Freisetzen und freisetzen lassen (Conrad Max Gille)

Freisetzen und freisetzen lassen (Conrad Max Gille)

Vor einiger Zeit in einem Treffen mit einem unserer Leiterkreise in der Gemeinde, gab es den prophetischen Eindruck, dass eine Zeit vor uns als Gemeinde liegt, in der Gott jetzt verstärkt Leute freisetzt, Raum verschafft und in individuelle Berufungen führt.

Super Sache. Eigentlich will Gott das ja immer. Im Grunde ist es auch das Versprechen und die Aufgabe von Leiterschaft, genau das zu tun. In dem Sinne braucht es kein prophetisches Wort dafür. Und doch war es sehr ermutigend und wichtig zu hören, denn es steckt doch mehr dahinter, wie mir in dem Moment sehr deutlich wurde.

Menschen in unserer Gemeinde und speziell auch im erweiterten Leiterkreis haben mit der Zeit gelernt Söhne und Töchter zu sein und als solche zu dienen. Dabei haben sie auch Hürden wie Enttäuschung, Frust und sicher auch das fehlende Freisetzen in ihre Träume und Berufung erlebt. Aber sie sind dran geblieben, lernten Söhne und Töchter zu sein und ihren Wert und Identität nicht aus ihren Werken zu ziehen und JETZT konnte Gott sie erheben. Jetzt könnten sie in persönliche und individuelle Träume freigesetzt werden, ohne zu spalten oder Unruhe zu bringen, sondern jetzt würde es eine geistliche Einheit sein, ein gegenseitiges Ergänzen und Wachsen in Christus.

Lass mich das genauer erklären.

Wir leben in einer Zeit, wo der Heilige Geist Sein Volk ermutigt Träume zu leben. Groß zu träumen, Dinge zu wagen, das Unmögliche probieren, die Welt verändern, eigene Ideen umsetzen… all das wird gefördert, hochgehoben und bejubelt. Und auch recht so! Die Gemeinde muss aus ihrem Dämmerschlaf und dem Reich der kleinen Möglichkeiten erweckt werden zu den Möglichkeiten des Himmels und den Träumen Gottes für uns und durch uns. Menschen sollen ihr ganzen Potential ausschöpfen und aufhören unterhalb ihrer Möglichkeiten zu leben. Schließlich ist alles möglich mit Jesus!

Doch in unserem oben beschriebenen Treffen wurde mir eine Sache sehr deutlich, die wir als Leitung immer verfolgt haben, die aber nicht immer so einfach ist: Um Leute in ihre persönliche Vision freizusetzen, müssen sie zu einem bestimmten Grad vorher gelernt haben, was es bedeutet Söhne und Töchter Gottes zu sein. Warum? Weil sonst – oft auch unbewusst – das Denken der Welt in die Vision Gottes reinpfuscht. Die Welt steht unter einem Geist des Individualismus. Auf der Suche nach Wert und Anerkennung (was ultimativ die Suche nach Liebe ist), muss man möglichst individuell, besonders und speziell sein und sich möglichst abgrenzen von anderen. Man definiert sich über seine Werke und seine Leistung. Es ist die Haltung eines Waisenkindes auf der Suche nach Liebe. Das Verlangen selber ist in Ordnung. Die Frage ist, wo es gesättigt wird!

Kommen wir zurück zur Gemeinde. Was passiert, wenn die Lehre „Verwirkliche deine Träume“, „Träume groß“ usw auf ein „Waisenherz“ mit dem oben beschriebenen Denken fällt? Richtig, es wird Trennung bringen, wahrscheinlich sich selbst statt Gott verherrlichen und insgesamt die selbe Art von Denken multiplizieren, nämlich krankhaften Individualismus und Eigensinn. Man kann einen Bettler nicht auf den Königsthron setzen! Mit dieser Mentalität schaden sie sich selbst und denen, denen sie dienen sollen und am Ende gibt es mehr Zerstörung als Aufbau. Diese Art Lehre muss daher eingebettet sein in ein gesundes Verständnis von Sohnschaft (Frauen zählen immer auch darunter, der einfach halt halber ab jetzt nur noch Sohnschaft benannt). Doch was bedeutet das?

Wir wollen Menschen freisetzten. Wir wollen Menschen helfen, ihre Berufung zu finden, ihre Gaben zu gebrauchen und die Welt zu einem besseren Ort damit zu machen. Spricht man darüber, gibt das Menschen Vision und sie sagen „Ja, super, an so einem Ort will ich sein! Hier werde ich freigesetzt, hier wird mir gedient, damit ich in meine Träume und Berufung komme!“

Dann gehen sie eine Weile in die Gemeinde und es werden einige freigesetzt und einige nicht, und ganz oft kommt eine Phase, wo genau die Person, die wegen ihrer Hoffnung auf Freisetzung da ist, vorerst keine Freisetzung in ihre Träume erlebt. Und jetzt kommt’s. Je mehr diese Person das zum Anlass nimmt, um zu meckern, sich zu beschweren, schlecht zu reden, Enttäuschung zuzulassen, um so weniger würde eine geistgeleitete Leiterschaft so eine Person freisetzen, also in Gaben, Verantwortung, Möglichkeiten hinter ihr stehen und sie fördern und auch in ihren Fehlern decken. Warum? Weil man Meckern, Negativität, schlechtes Reden, Enttäuschung befähigen würde!

Lass es mich noch mal viel krasser und anders ausdrücken: Der Heilige Geist Selbst wird so eine Person wie unsichtbar in den Augen der Leitschaft machen. Und wenn die Person sich selbst anbietet und unbedingt will, wird eine geistgeleitete Leiterschaft keinen Frieden haben und sich auch nicht „überreden“ (oder etwas härter ausgedrückt: „manipulieren“) lassen.

Dieser Moment, lieber Leser, ist ein wichtiger Test (nicht nur für so eine Person, sondern auch für die Leitung)! Entweder lernt so eine Person nun Sohnschaft, oder verhaftet in dem alten Denken der Welt. Entweder besteht sie den Test, gliedert sich ein, vertraut Gott, dass Er zur rechten Zeit erhebt, dient mit offenem und reinen Herzen weiter, oder verhärtet ihr Herz. Oft suchen sich solche dann leider eine andere Gemeinde. Und wenn sie nicht anfangen, es als eine Chance zu sehen und das Problem bei sich zu konfrontieren, bevor man alle um sich rum verändern will, werden sie weiter springen. Meistens natürlich enttäuscht und frustriert, was sie auch rauslassen und oft auch weitere solche Leute um sich sammeln. Man versteht sich ja… Dabei ist es die Chance, wirklich Träume verwirklicht zu bekommen! Wenn du dich hier findest, bitte nimm es nicht als Anstoß! Jesus liebt dich zu dolle, um dich in dieser Haltung zu fördern! Er will deine Freiheit! Eine der schlimmsten Dinge, die uns passieren kann, ist das unser Vater uns gibt, was wir wollen, während unsere Haltungen die eines rebellischen Kindes ist. Denn das verhärtet unser Herz. Verhärte dein Herz nicht! Nutze die Chance!

Bleibt die Haltung des „Du musst mich weiter bringen oder ich werde sauer!“ (Zugegeben, etwas salopp ausgedrückt, aber ich denke ihr versteht den Punkt und im realen Gemeindeleben öfters zu finden als man denken würde), kann Gott diese Person nicht in ihre eigenen Träume erheben, denn es würde Spaltung bringen! Im Grunde ist es Rebellion, die zum Vorschein kommt. Das Suchen nach Anerkennung, der Drang nach Individualismus, das Streben danach „auch jemand zu sein“ usw würde gefördert werden. Und genau das will Gott nicht, denn Er möchte Söhne und Töchter, die Ihn und Sein Herz repräsentieren.

Noch mal anders ausgedrückt, geht es nicht nur um den Wunsch jemanden anderen groß machen zu wollen (fördern, freisetzen). Sondern man muss auch groß gemacht werden wollen. Du denkst, das wollen alle? Eben nicht, denn das Waisendenken hindert daran. Es fordert Demut. Es fordert eine Haltung, die anerkennt, dass Gott verschiedene Gaben gesetzt hat und das andere weiter und erfahrener sind als ich. Man kann nur groß werden, wenn jemand Größeres mich erheben darf. Das beinhaltet aber auch, dass ich vorher das Größere anerkenne und mich „darunter“ begebe. Das tun wir natürlich zuerst bei Gott. Da verstehen wir es auch gerade noch so. Aber Gott nutzt es auch so in Seinem Leib.

Als Leiter brauchen wir ein Herz Leute freizusetzen, zu befähigen und auszurüsten. Aber wir müssen auch die Zeit aushalten, wo so mancher deutlich Berufene noch andere Dinge im Verborgenen zu lernen hat und dürfen nicht dem Erwartungsdruck und den Vorstellungen der Menschen nachgeben.
König David wurde zum König gesalbt und wurde viele viele Jahre später erst eingesetzt. In seinem Fall wollten ihn die Leute sogar früher einsetzen, aber David hatte ein demütiges Herz, was Gott vertraue und nicht auf Menschen baute. Paulus wurde radikal gerettet, aber der offizielle Apostel der Völker mit anerkanntem Amt war er frühestens 14 Jahre später, wohl eher sogar 21 Jahre später! Sogar Jesus, der Sohn Gottes, begann erst mit 30 Sein öffentliches Wirken. Davor war Er Zimmermann. Gott hat einen Zeitpunkt. Ob nun in Leiterschaft oder (noch) nicht, nach diesem Zeitpunkt sollte sich jeder ausstrecken.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schmerzhaft es sein kann, jemanden zu erheben, der nicht bereit ist. Es geht ja nicht nur darum, dass ein Armutsdenken promotet wird, es geht auch darum, dass Menschen mit dem Einfluss, der Verantwortung, der Position noch nicht umgehen können, weil der Charakter fehlt. So schaden sie sich und anderen. Deshalb empfinde ich eine klare Einordnung so wichtig in diesen Tagen. Es muss möglich sein, Feedback auszutauschen, auch Kritisches! Verträgt eine Person keine konstruktive Kritik, ist es keine gute Idee, ihr mehr Verantwortung und Einfluss zu geben. In dem Bereich sind Probezeiten und unverbindliches Ausprobieren eine gute Sache für beide Seiten, den Leiter und den, der weiter kommen will.

Natürlich ist mir klar, dass nicht Menschen berufen, sondern Gott! Kein Mensch gibt einem anderen seinen Auftrag, Bestimmung oder Gaben. Das macht Gott! Aber wir funktionieren in einem Leib, der sich gegenseitig braucht, um den Auftrag Gottes zu erfüllen. Als ich vor ca 17 Jahren eindeutig meine Berufung zum Prediger und der Klarheit, dass das meine Hauptaufgabe sein würde, bekam, wollte ich meine schulische Ausbildung hinschmeißen (Die ich angefangen hatte, nach dem ich von der Drogenreha gekommen bin, wo ich Jesus kennen gelernt habe.) Wozu denn auch noch sowas lernen? Ich werde Prediger! Gott sei Dank hatte ich einen weisen Ratgeber/ geistlichen Vater, der mich davon abgehalten hat. Es wäre eine Katastrophe geworden! War ich berufen? Absolut! Aber war es Zeit hinein zu gehen! Auf keinen Fall! Nur das wollte ich natürlich in dem Moment nicht sehen. Aber dazu sind Väter und Mütter in Christus auch da: Mit Liebe und Weisheit Dinge zu sagen, die man selbst einfach noch nicht sehen kann. Denn jeder hat blinde Flecken! Habe ich je in dem gelernten Beruf gearbeitet? Nein, aber darum geht es Gott oft nicht. Seine Vorbereitungen auf das Eigentliche sehen oft anders aus, als wie wir sie uns vorstellen. Aber denke nicht, dass die Vorbereitung unwichtig sei! In der Vorbereitung ist sie „das Eigentliche“, deine Berufung, dein Weg! Treue im Kleinen setzt über mehr.

An die, die darauf warten, freigesetzt zu werden: Vertraue deinem Papa im Himmel! Er hat dich berufen. Demütige dich unter seine Hand und Er erhebt dich zur rechten Zeit! Die scheinbar unwichtigen Dinge sind wichtig! Als David stinkende Schafe hütete und mit seinem Leben bewachte, obwohl es nicht mal seine waren, wusste er bestimmt nicht, dass er gerade voll im Training eines Riesentöters war. Seine Erfahrungen und Haltungen als keiner hinsah bestimmten Seinen Durchbruch vor den Augen aller!
Bete für deine Leiter. Keiner ist vollkommen. Alle brauchen Hilfe. Wenn du den Eindruck hast etwas Bestimmtes machen zu sollen, dann biete es an. Man muss nicht warten, bis die Leiterschaft, oder dein Vorgesetzter auf dich zukommt und dir was anbietet. Wenn es nicht angenommen wird, vertraue deinem Gott! Wenn du dich stattdessen ärgerst und frustriert bist, weißt du, warum dein Angebot vielleicht abgelehnt wurde (Beachte: Nicht du als Person wurdest abgelehnt! Nicht verwechseln!).
Und als Letztes: Du hast deinen Vater im Himmel! Manchmal suchen wir „Mütter und Väter“ wie verrückt (und ja, wir sollten uns positionieren und sie wollen, dafür beten, die Position eines Sohnes einnehmen) und weil wir keine finden (was meistens eher an unserem Anspruch liegt), wird es eine Ausrede dafür weniger zu sein, als wir sind. Nein, wir sind keine Waisen mehr! Jesus sagte nicht „Ich lasse euch nicht verwaist zurück, ich sende euch Väter und Mütter!“. Er sagte „Ich lasse euch nicht verwaist zurück, ich sende euch den Heiligen Geist.“ Was ich damit sagen will? Ich will damit sagen: Vertraue deinem Vater im Himmel! Er hat dich berufen, auserwählt, vorherbestimmt wie Sein Sohn zu sein und alles dafür gegeben. Also ja, man darf sich entspannen.

Demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zur rechten Zeit, indem ihr alle eure Sorge auf ihn werft! Denn er ist besorgt für euch.1. Petrus 5, 6-7